Dresdner Schützenwesen von den Anfängen bis 1945 __________________________________________________________________________

Teil 1: Die Geschichte der Dresdner Armbrustschützen

„Zum Schutz und Trutz, zu Nutz und Ehren“ Die Geschichte des Dresdner Schützenwesen reicht viel weiter zurück, als es bisher angenommen wurde. In frühesten Zeiten nach der Besiedlung gab es schon die ersten Hinweise über organisierte Formen sich im Waffenhandwerk zu üben. Die Armbrustschützengesellschaft zu Dresden, auch Dresdner Bogenschützen, privilegierte Bogenschützen - Gesellschaft zu Dresden genannt, gab es schon im frühen Mittelalter. Wie Gallwey, (Sir Payne Ralph, The Crossbow, London 1958) zitiert, "... in Dresden sind zwei Schützengesellschaften. Beide haben ein beachtliches Alter. Die Bogenschützengesellschaft ist älter und bedeutender und fasste mehr als 400 Mitglieder. Als privilegierte Gesellschaft wird ihr königliche Schirmherrschaft zuteil. Die Urkunden der Gesellschaft reichen bis 1416 zurück, doch soll sie 1286 gegründet worden sein... ." Anders als hier zitiert, wird von G. Adolph Schulze (Vorsteher der Gesellschaft 1900 - 1910) in seiner Arbeit wiederum das Jahr 1446 als das Jahr der Gründung der Privilegierten Bogenschützen - Gesellschaft zu Dresden genannt.

1446
gilt als das Entstehungsjahr der privilgierten Bogenschützen-Gesellschaft. Grundlagen, die zu dieser Annahme führen, sind umfangreiche Studien alter Ratsakten und Urkunden des Staats- und Stadtarchives. Selbst Dresdner Geschichtsschreiber früherer Zeiten, wie Hasche, Lindau, Professor Richter und Bürgermeister Neubert schließen dieses Datum nicht aus. Der bereits 1428 als Landesherr an die Regierung gekommene Kurfürst Friedrich II. (genannt der Sanftmütige, 1428-1464) privilegierte die Dresdner Bogenschützen-Gesellschaft im selben Jahr. Strittig ist allerdings bis heute, ob die Gilde nun aus dem Schöpfungsworte des Landesherren, so wie das auch von der Leipziger Schützengilde bekannt ist, oder vom Rat der Stadt Dresden ihre öffentliche Anerkennung und ihren hoheitlichen Status erhielt.

                                                                           
                                                                      Kurfürst Friedrich II. zu Sachsen
                                                                           
genannt der Sanftmütige

Die Bogenschützen waren Dresdner Bürger, die in Zeiten der Bedrohung von außen von der Stadtmauer aus ihre Stadt verteidigten. Es gehörte zu den vornehmsten Bürgerpflichten jener Zeit, sich zum persönlichen Waffendienst für die Bewachung und Verteidigung der Stadt zu verpflichten. Konnte man seiner Pflicht nicht nachkommen, musste entsprechender Ersatz gestellt werden. Ihre Waffen waren die Armbrust, damals „Rüstung“ genannt, die jeder gutgestellte Bürger für den Ernstfall privat vorhielt. Der Umgang mit diesen Waffen wurde regelmäßig im Graben vor der Stadtmauer geübt. Durch die Förderung der zum Waffengebrauch verpflichteten Bürger wurde gewährleistet, dass es auch in Friedenszeiten eine „intakte Heeresfolge“ zum Schutz der Stadt gab. Das soziale und religiöse Engagement der Schützen war ein Selbstverständnis des damaligen Zusammenlebens. So unterhielten die Schützen ihre eigenen Altäre und huldigten ihrem Schutzheiligen "Sebastian“.

Sebastian († um 288 in Rom), war ein römischer Soldat und wurde zu einem christlichen Märtyrer. Der Legende nach bekannte sich Sebastian, ein Offizier der kaiserlichen Garde, öffentlich zum Christentum, woraufhin Kaiser Diokletian ihn zum Tode verurteilte und von Bogenschützen erschießen ließ. In dem Glauben, er sei tot, ließ man ihn danach liegen. Sebastian war jedoch nicht tot und wurde von einer frommen Witwe mit dem Namen Lucina, die ihn beerdigen wollte, als lebend erkannt und wieder gesund gepflegt. Nach seiner Genesung kehrte er zu Diokletian zurück und bekannte sich erneut zum Christentum. Diokletian befahl daraufhin, ihn mit Keulen im Circus zu erschlagen. Seinen Leichnam warf man in die Cloaca Maxima, einen städtischen Abflussgraben in der Nähe des Tiber, aus dem er von Christen geborgen und ad catacumbas (deutsch: „in der Senke“) beerdigt wurde


1549
wurden die bis dato in Altendresden (heutiges Dresden Neustadt) ansässigen Schützen im Zuge der Zusammenlegung der Gemeinden "Altendresden" und "Neuendresden" (heutiges Dresden Altstadt) der Dresdner Bogenschützen - Gesellschaft und Büchsenschützen angegliedert. Dieser Zwangsvereinigung fügte sich Altendresden nur mit Widerstreben. Die Vereinheitlichung des Dresdner Schützenwesens, welches nur noch eine Armbrustschützengesellschaft und nur noch eine Vogelstange duldete, nötigte die Altendresdner Schützen dermaßen, dass es von ihnen als "Entblößung und Entziehung alter Gerechtigkeit" empfunden wurde. 1558 errichteten sie wieder eine eigene Vogelstange, die kurzerhand auf mysteriöse Weise verschwand. Keiner wusste wer diese beiseite geschafft oder entwendet hatte. Der nun folgende Spott und Hohn lastete dermaßen auf den Altendresdner Schützen, dass diese sich nach langem Hin und Her um Hilfeerbitten an den Kurfürsten August, Herzog zu Sachsen wandten. Mit Hilfe eines wohlwollenden Schreibens vom Landesherren an den Rat vom 23.Mai 1578erlangten die Altendresdner Schützen nun ihr Recht auf eine eigene Vogelstange zurück.

Die privilegierte Bogenschützen - Gesellschaft im Schießgraben und auf der Vogelwiese

Zwei Zielstätten für das Schießen mit der Armbrust standen auf der "Neustädter" Stadtseite zur Verfügung. Eine befand sich in der Nähe des kurfürstlichen Schlosses, dem so genannten kurfürstliche Schießgarten und die andere, der Ratsschießgarten, im Wallgraben der Stadt auch als Zwinger (bei Burgen und mittelalterlichen Städten das Terrain zwischen äußerem und innerem Mauerring; seit dem Barock auch als Vergnügungs- oder Festplatz genutzt) bezeichnet. Im Zuge von Erweiterungsbauten des Schlosses Mitte des 16. Jahrhunderts musste das Schießhaus der Errichtung des Georgentores weichen. Kurfürst Johann Georg I. erbaute im Jahre 1618 ein neues Schießhaus, welches bereits 1672 wieder abgebrochen wurde. Kurfürst Johann Georg II. errichtete im folgenden Jahr aufs Neue ein kurfürstliches Schießhaus, das sich dann bis zum Jahre 1718 erhalten hat.
Die bekannte Zuneigung, die die Wettiner Fürsten dem Armbrustschießen entgegenbrachten, mag diese veranlasst haben, dass schon vor dem 15. Jahrhundert für den kurfürstlichen Hof in der Nähe des Schlosses und der Augustusbrücke ein Schießgarten angelegt wurde, der in alten Urkunden als "kurfürstlicher Schießgarten" Erwähnung findet. Dieser erstreckte sich von der Brücke stromaufwärts bis zum Ziegeltor. Das ist heute ungefähr das Gelände der "Brühlschen Terasse" vom Schlossplatz bis zum ehemaligen "Königlichen Belvedere", welches gegenüber dem Hauptportales des ehemaligen "Grünen Gewölbes" stand und 1945 vollkommen zerstört wurde. In der Nähe des Schlosses stand das Schießhaus, auch oft "kurfürstliche Schießhütte" genannt. Auf dem dritten linksufrigen Brückenpfeiler, der bis zum Jahre 1534 bis an die Sporengasse heranreichte, stand das "Schützenmeisterhaus".

                                                                     
                                                                            
Kurfürst Johann Georg II.

Die Zielstätte der Armbrustschützen war der Ratsschießgarten, auch "Schützengraben" oder "Schützengarten" genannt. Dieser befand sich zwischen dem Ziegeltore und dem Rampischen Tore der ehemaligen Festungsmauer (heute in der Nähe der Synagoge). Die Einrichtungen und Unterhaltungen dieser Übungsstätte unterlagen der Fürsorge des Rates, deshalb wurden diese auch "Ratsschießgarten" genannt. Hier gab es ein Schützenmeisterhaus, ein Schießhaus mit der Schießstube und den Schießständen, am Ende des Schießgrabens ein Zielerhäuschen als Wohnung für den Zieler und Aufstellungsort der Schießwände, an welchen die "Zirkelblätter" aufgesteckt wurden. Das Zielerhäuschen hatte Türmchen, von welchem das Glöckchen einer Uhr das Zeichen für das Schießen gab. Mehrfach wendete sich der Rat an den Kurfürsten um Unterstützung in der Unterhaltung der Zielstätte und fand bereitwilligst Gehör, wie man es den Akten entnehmen kann.

Als Übungsziel bei den wöchentlichen Übungsschießen der Armbrustschützen diente das Zirkelblatt, "Cirkullblath" oder "Blath" nach alter Schriftweise. Das ebenfalls im Schießgraben gepflegte "Abschießen eines Vogels vom Ständer" meist von "halber Höhe" gehörte nicht zum regelmäßiges Übungsschießen, sondern mag mehr ein Vergnügungsschießen an Sonntagen gewesen sein. Demzufolge wurde dem Blattschießen von den alten Armbrustschützen die größte Wichtigkeit beigemessen. Nach dem Zirkelblatte wurde mit dem "Stechbolzen" geschossen. Um dessen sicheres Steckenbleiben in der Schießwand zu erreichen, war die Wand mit einer starken Lehmschicht überzogen.

In der Entwicklung des unter strenger Aufsicht des Rates abgehaltenen Schießens nach dem Zirkelblatt lag der wesentliche Zweck des genossenschaftlichen Verbandes der Armbrustschützen. Darauf weist die Ausführlichkeit hin, mit der die ältesten Urkunden und Schützenordnungen diese Übungen bis zu ihrem Wegfall behandelten. Das Fehlen von Urkunden über nähere Einrichtungen des zu Pfingsten öffentlich gehaltenen Vogelschießens gibt zu erkennen, dass diese Veranstaltungen dem Gesellschaftszwecke fremd waren, auch wenn zumindest die Teilnahme an den damit verbundenen Aus- und Einzügen, zu den Pflichten der Armbrustschützen gehörte. Das Zirkelblattschießen war jedoch lange Zeit hindurch nicht nur das bestgepflegteste Übungsschießen im Schützengraben, sondern auch das beliebteste Schießen der vom Rate oder Kurfürstlichen Hofe veranstalteten Schießfeste.

Auch den Büchsenschützen diente in frühester Zeit der Schießgraben als Übungsstätte für das Schießen mit dem "Rohre". Vermutlich (wie G.A. Schulze feststellte) haben sie ein vom Rate erbautes besonderes Schießhaus für ihre Übungen im Besitz gehabt. Dies geht aus dem Wortlaut einer Stadtrechnung vom Jahre 1481 hervor: "gearbeyt an dem schüczenhause ym Zwinger, do dy Büchsenschüczen ynnen stehen."

Die Erbauung eines Schießhauses für die Bogenschützen „auf der Viehweide“, den vor dem Wilstruffer Tor gelegenen Wiesen der Fleischer für das Schlachtvieh, im Jahre 1454 , lässt darauf schließen, dass in der Zielstätte im Zwinger noch die gemeinsamen wöchentlichen Übungen stattgefunden haben. Auf der Viehweide, wo urkundlich belegt schon früher mal eine Vogelstange gestanden haben soll, wurden auch von den Büchsenschützen zu Pfingsten nach einem Vogel an hoher Stange geschossen. Bis 1577 stand hier die Vogelstange, dann zogen die Armbrustschützen auf die Elbwiesen "vor dem Ziegelschlage" um. Die Trennung beider Schützengesellschaften fällt erst in die Zeit, da der Rat den Büchsenschützen durch Aufstellung von Schießwänden auf der Viehweide einen besonderen Übungsplatz für ihre wöchentlichen Schießübungen schuf. Die endgültige Absonderung soll im Jahre 1549 erfolgt sein.

Während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) wurden das Schießhaus im Graben und alle übrigen Bauten und Einrichtungen der Zielstätten zerstört. Schon vorher stand die Frage der Notwendigkeit, derart veraltete Schießübungen weiterhin abzuhalten. Mit der totalen Zerstörung der Zielstätten endete auch die Bereitschaft des Rates, weitere Mittel für ein Fortbestehen dieser alten Tradition aufzuwenden. Der Rat nutzte nach Ende des Krieges die erstbeste Gelegenheit, sich dieses Teiles des Schießgrabens zu entledigen, wo vornehmlich mit der Armbrust geübt wurde. Jegliches Bitten und Drängen der Bogenschützen um Wiedererrichtung dieser Zielstätte fand beim Rat keinerlei Gehör. Auch Ersuchen an höchster Stelle waren vergeblich.

1765 überließ der Rat den Schießgraben zur lebenslänglichen Benutzung dem Generalfeldmarschall Hermann Moritz Graf von Sachsen, gen. „maréchal de saxe“, der dort seinen Marstall einrichtete. 1782 verkaufte der Rat den Schießgraben an den Herzog Carl von Curland für 600 Thaler. Der Herzog ließ an dieser Stelle das Curländer Palais erbauen bzw. erweitern, das sich heute im Wiederaufbau befindet. In Folge der einschneidende Ereignisse des Siebenjährigen Krieges, welcher die Daseinsberechtigung und somit auch den Fortbestand der Priv. Bogenschützen - Gesellschaft in Frage stellte, wurde über eine zukunftsweisende Veränderung des Gesellschaftszwecks nachgedacht. Aus dem einst aus der Notwendigkeit für Verteidigungsaufgaben entstandenen Übungsschießen nach dem "Zirkelblatte", wurde ein Lustschießen nach dem Vogel. Somit wurde eine entscheidende Wende des Gesellschaftszweckes der Privilegierten Bogenschützen - Gesellschaft eingeleitet. Das Schießen auf den Vogel ist von den Dresdner Armbrustschützen schon immer gepflegt worden. Die erste urkundliche Erwähnung des Vogelschießens im Schießgrabens stammt bereits aus dem Jahre 1440. Der Vogel war an einer feststehenden Zielwand befestigt und wurde mit Bolzen beschossen, die mit eisernen Zackenkronen zum Sprengen des Holzes versehen waren. Das Schießen auf den Vogel war jedoch kein Bestandteil der regelmäßig stattfinden Übungen mit der Waffe, sondern wurde haptsächlich nur zum sogenannten Pfingstschießen gepflegt.

      

                           
Vogelschießen auf dem Gelände vor dem Ziegelschlag, um 1810 Aquarellierte Zeichnung, um 1810,
                                Landesamt für Denkmalpflege; SLUB/Deutsche Fotothek/ Jauering 03.1954/ VÖF-Nr.:6438

Wie lange das Fest im Schießgraben gepflegt wurde ist nicht mehr genau zu bestimmen. Mit ziemlicher Genauigkeit kann angenommen werden, dass bereits vor dem Jahre 1577 die Pfingstschießen auf den Elbwiesen vor dem „Ziegeltore“ abgehalten worden. An dieser Stelle wurde der Vogel von der hohen Stange abgeschossen. Das Schießen dauerte von Montag bis Sonntag. Der Vogel, die Zielscheibe, wurde aus Holz gefertigt und ähnelte dem deutschen Reichsadler. Vom Kopf bis zum Schwanz maß er 4 Meter, die Flügelspannweite betrug 2,5 Meter. Der Vogel wog fast 90 Kg und wurde in 42 Meter Höhe - dem Schützen zugekehrt - an der Spitze eines Mastes befestigt. Er bestand aus 50 Teilstücken, wobei für jedes abgeschossene Teil ein besonderer Geldwert dem Schützen zukam. Am wertvollsten waren Krone, Reichsapfel, Zepter und die Silberkugel in der Krone. Danach kamen die Flügelsätze und zuletzt die Kleinteile, welche dann nach ihren Gewicht bewertet wurden. Das Herz oder das Zentrum fiel stets als letztes Teil oder letzter Spahn. Der Schütze, der dies schaffte, war der Schützenkönig für ein Jahr. Die Schützen standen gemäß der Ordnung 30 Meter vom Mast entfernt und jeder schoss in regelmäßiger Folge einen Bolzen, bis der Vogel gänzlich zertrümmert war. Die wirsamste Dresdner Armbrust musste mit einer Winde gespannt werden und hatte 10 Kilo Masse. Ihre Spannkraft lag weit über 500 daN (5000 Newton).

Königskette und Silberschatz

Wie bereits aus alten Urkunden von 1350 bekannt wurde, erlangte der Schütze die Königswürde, der den letzten „Spahn des Vogels von der Spille“ räumte, d.h. wenn das letzte Teil des Abschussvogels mit der Armbrust abgeschossen wurde. Dem so ermittelten Schützenkönig wurde die Ehre zu teil, für ein Jahr lang Vergünstigungen der Stadt und des Landesherren in Anspruch zu nehmen. Aus den Anfangs noch ideellen wurden im Laufe der Zeit reale Werte, die der Schützenkönig in Geld oder Wertgegenständen erhielt. Die Ehre und das Ansehen eines Schützenkönigs veranlasste nicht nur die Armbrustschützen aus dem Bürgerstand diesen Titel zu erkämpfen, sondern auch Schützen höherer Herkunft.

                           

                                                 August I. Kurfürst von Sachsen richtet für seinen Sohn Christian I. 
                                                Kurfürst von Sachsen ein Armbrustschießen zu "halben Stande" aus


Wie oft die Dresdner Bogenschützen – Gesellschaft die hohe Ehre hatte, den Mitgliedern ihres Fürstenhauses und dem Landesfürsten selbst, diesen als „Schützenkönige“ zu huldigen, ist in einem Namensverzeichnis ihrer Schützenkönige vom Jahre 1517an ersichtlich. Als äußeres Zeichen der Schützenkönigswürde galt die „Königskette“, auch „Vogelkleinod“ genannt.

                                                          

                                                                      Kleinod der Duderstädter Gilde

Bis zum Jahre 1630wurde die erste Königskette, die zu dieser Zeit noch aus 75 Silberanhängern und einem Vogel bestand und bis zu ihrer Einschmelzung 1660 gute 10 Kg gewogen haben soll, gepflegt. Der an der Kette hängende silberne Vogel, Hauptschmuck und zugleich Sinnbild des deutschen Schützenwesens, galt als die höchste Ehre des Trägers. Laut Schützenbrauch musste jeder Schützenkönig nach Ablauf seiner jährlichen Regentschaft ein Schildplättchen oder auch Erinnerungsschild meist mit Namen und Jahr versehen und von mindestens „½ Loth Silbergehalt„ der Kette hinzufügen. Jedes Jahr zum Pfingstschießen, wurde die Schützenkette, ehe diese wieder in Verwahrung genommen wurde, unter strenger Aufsicht gewogen und das Gewicht peinlichst dokumentiert. In den Urkunden findet man in den Jahren von 1613 bis 1630 auch den Hinweis darüber, dass die „Büchsenschützen“ ihre eigene Kette besaßen. Am 12. Mai 1630 wog die Kette der Büchsenschützen 9 Mark und 8 Loth, die der Bogenschützen 42 Mark und 8 Loth (1 Silbermark = 234,101 Gramm; 1 Loth = 14,63 Gramm). Mitte der zwanziger Jahre des 17. Jahrhunderts wurde klar, dass die militärischen Aktivitäten des Dreißigjährigen Krieges trotz diplomatischer Bemühungen nicht mehr abzuwenden waren. Fast 30 Jahre lang kam von da ab die Königskette der Bogenschützen – Gesellschaft zu Dresden in Verwahrung und das Vogelschießen geriet durch die Kriegswirren fast in Vergessenheit.

Als der Kurfürst Johann Georg II. (1613-1680) sich persönlich für die Wiederbelebung des Vogelschießens zu Pfingsten
1660
einsetzte, wurde von ihm angeregt, auch gleich eine neue goldene Königskette mit einer Länge von 160 cm in Auftrag zu geben. Die alte erste Kette wurde zur Finanzierung eingeschmolzen weil diese mit ihrem Gewicht für den Träger viel zu schwer geworden war. Die alte und noch heute gültige Tradition, des Anbringens eines Schildes oder Anhängers nach Ablauf des Königtums durch den Schützenkönig wurde fortgeführt.

                                 

                             Vogelschießen auf der Vogelwiese an der Ziegelgasse am 24. Juni 1660 Kupferstich von Daniel Conrat
                                         Städtische Galerie-Kunstsammlung; SLUB/Deutsche Fotothek/ 1934/VÖF-Nr.:6438

Am Pfingst-Sonntag im Jahre 1660 begann dass Fest nach gemeinsamen Gottesdienst mit dem Umzug der Schützen aus der Stadt hinaus. Der Zug führte durch das Pirnaische Tor zur Vogelwiese zu den Ziegelscheunen oder Ziegelschlag, zwischen Ziegelgasse und Elbe (heute etwa am Gerichtsgebäude Sachsenplatz). Einer der Schützenältesten trug das silberne Vogelschützenkleinod, die noch erste Schützenkette. Diese Ehre wurde ihm nur zuteil, weil der Schützenkönig von 1629 nicht mehr am Leben war. Nach dem nun der Schützenzug vollständig eingetroffen war, erschienen der Kurfürst und sein Bruder Herzog Moritz (1619-1681), mit ihren Gemahlinnen sowie weiteren hochgestellten Persönlichkeiten. Mit Trommelschlag wurde der Beginn des Vogelschießens eröffnet. Insgesamt hatten sich wohl 61 Persönlichkeiten zum Wettstreit mit der Armbrust auf den hölzernen Vogel zu schießen angemeldet. Die Reihenfolge wurde durch Auslosung bestimmt. Der Kurfürst und der Kurprinz hatten das Privileg, auch außerhalb der vorbestimmten Reihenfolge an den Abschusspunkt zu treten und jederzeit Schüsse auf den Vogel abzugeben. Dem 13-jährigen Kurprinzen Johan Georg (1647-1691) war es zudem noch gestattet, die Armbrust aufzulegen. Wegen Einbruch der abendlichen Dunkelheit wurde das Schießen abgebrochen und am nächsten Tag gegen 12 Uhr fortgeführt. Im siebenten Rennen abends ½ 6 Uhr räumte der 52-jährige Kurt Reinicke von Callenberg die Spille (Befestigung des Vogels) ab und erschoss sich so das Königsrecht. Der Freiherr von Callenberg, Kurfürstliche Durchlaucht zu Sachsen, geheimer Rat und der Markgrafschaft Oberlausitz bevollmächtigter Landvogt, später zum Ober- Hofmarschall von Kurfürst Johann Georg II. erhoben, war bekannt für seine Geschicklichkeit in Kriegs- und Friedenszeiten. Im Namen des Rates gratulierte Bürgermeister Christian Brehme dem Schützenkönig und erinnerte an die Stiftung eines Schildchens für die Schützenkette.

                                         

                                                Anhänger des Schützenkönigs 1660, Curt Reinicke von Callenberg
                                                    Museen der Stadt Dresden, Stadtmuseum VÖ-Nr.: 280408

Die neue Kette wurde erstmals im Jahre 1661 zum Vogelschießen auf der Vogelwiese getragen und sollte von da ab nur noch Schützenkönigen umgehangen werden, welche dem Fürstenstand angehörten. Von da an veränderte sich das Vogelschießen maßgeblich durch eine noch engere Bindung zum Kurfürsten sowie später zum König und dem Gefolge des Hofes. Der Anweisung des Kurfürsten folgend, betraute man den Rat mit der Ausrichtung dieses gesellschaftlichen Ereignisses. Bis in die Regierungszeit von Kurfürst Friedrich August I. (1670-1733) wurden die Schützenfeste auf der Vogelwiese als „Ratsvogelschießen“ unter die organisatorische sowie finanzielle Verantwortung der Stadt Dresden gestellt.

                                   

                                                Die Schützenkönigskette der Dresdner Bogenschützen seit 1660

1 Stiftung des Schützenkönigs 1660, Kurt Reino Freiherr von Callnberg, 2 Stiftung des Kurfürsten Johann Georg II., 1661 3 Stiftung des Schützenkönigs 1665, Herzog und Erbkurprinz zu Sachsen Johann eorg der Dritte 4 Stiftung des Schützenkönigs 1673, Kurprinzlicher Hof-Marschall Heinrich Gebhard von Miltitz 5 Stiftung der Schützenkönigin 1676, Kurfürstin zu Sachsen Magdalena Sybilla 6 Stiftung des Schützenkönigs 1677, Kammerherr August von Einsiedel 7 Stiftung des Schützenkönigs 1678, Stadtrichter Philipp Strobel 8 Stiftung des Schützenkönigs 1707, Königlicher Gesandter Großbritanniens Johannes Robinson 9 Unbekannter Stifter Undatiert 10 Unbekannter Stifter Undatiert – Monogramm C.C.H.v.R. grün emailliert 11 Stiftung der Mitglieder der Armbrust-Schützen-Societät 1769 12 Stiftung des Schützenkönigs 1832, Königlich Sächsischer Staatsminister Bernhard August von Lindenau 13 Vermächtnis des ehemaligen Viertelmeisters und Ältesten der Bogenschützen-Gesellschaft Carl Senf 1840 14 Stiftung einer Schützenklippe durch den Bogenschützen Heinrich Klemm 1862 15 Stiftung des Schützenkönigs 1877, Kreishauptmann Georg Curt von Einsiedel

Während der Besetzung Kursachsens durch Karl XII. von Schweden im Jahre 1706 wurde die Königskette wieder zur sicheren Verwahrung in das Rathaus zur Aufbewahrung verbracht und dort zusammen mit der alten Schützenlade nebst Silberschatz vergraben. Im Jahre 1738 besannen sich die Ältesten der Kette und erkundigten sich beim Rat über deren Verbleib. Nach mehreren Gesuchen konnte selbst der Rat keine Auskunft mehr darüber geben. Erst 1763 tauchte die Kette wieder auf. Der Rat erhob nun aber das Besitzrecht an der Kette und verwickelte die Schützen in einen fast sechs Jahre anhaltenden Streit um die Rechte des Silberschatzes. 

                           

                                      Silberschatz und Schützenlade der Priv. Bogenschützen-Gesellschaft zu Dresden

Diese Zwistigkeit wurde 1769 vorerst mit einer "Gebrauchsüberlassung der Kette zum Festmahl" und der anschließenden Rückverbringung in die Stadtkämmerei beendet. Im September des gleichen Jahres bekam die Gesellschaft doch ihr Recht. Nach 1784 an wurde der Silberschatz der Privilegierten Bogenschützen – Gesellschaft wieder durch den Rat verwahrt. Diese Aufbewahrung wurde bis zur völligen Trennung des Verhältnisses zwischen Rat und Schützengesellschaft im Jahre 1873 erhalten. Seit 1891 wurde die Königskette der Privilegierten Bogenschützen – Gesellschaft zu Dresden im Stadtmuseum ausgestellt. Am 20. September 1977 ereignete sich im damaligen Museum für Geschichte der Stadt Dresden einer der spektakulärsten Kunstdiebstähle jener Zeit. Während der Öffnungszeit des Museums wurden aus einer Vitrine mit Panzerglas 57 Schmuckstücke gestohlen. Neben wertvollen Grabbeigaben aus der damaligen Sophienkirche, verschwand so auch die Königskette der Bogenschützen. Viel wurde über diesen Kunstraub spekuliert und gemutmaßt. 1986 tat sich eine heiße Spur zum Verbleib auf. Im Katalog eines Hamburger Auktionshauses wurde ein Teil der Kette zum Kauf angeboten. Nach intensiven Verhandlungen zwischen der Staatsanwaltschaft der DDR und der Bundesanwaltschaft konnte ein Teil der Kette zurückgebracht werden. Ein Münchner Kunstkenner entdeckte 1999 weitere elf Stücke der Königskette bei einem Münzhändler in Oslo. Sechs Jahre dauerte es, um diese Stücke wieder im Besitz des Stadtmuseums zu wissen. 2002 wurde ein Stück in Hannover gefunden. Nach dem Anhänger Nr. 2, mit dem Bildnis des Kurfürsten Johann Georg II. und dem Anhänger Nr. 10 wird noch gefahndet.